Die Welt ist ein Dorfverein

November 2024 · 4 minute read

Ob Mai­land oder Madrid, das ist doch ganz egal, Haupt­sache Ita­lien!“
(Andreas Möller, inter­na­tio­naler Fuß­ball­star)

Als Kind der West­eifel bin ich mit den Red Boys aus Dif­fer­dingen auf­ge­wachsen. Red Boys Dif­fer­dingen, das klang nach großer weiter Welt, das war ein anderer Name für Aus­land. Der Vater meines besten Schul­freundes spielte da, jen­seits der Grenze in Luxem­burg, wurde Vize­meister und Pokal­sieger, und das als haupt­be­ruf­li­cher Bäcker. Fuß­ball macht auf eigene Weise welt­läufig. Ein Groß­teil meiner Kennt­nisse über Gegenden und Orte in aller Welt habe ich in Kinder- und Jugend­jahren nicht aus dem Erd­kun­de­un­ter­richt bezogen, son­dern aus dem Fuß­ball­teil des Trie­ri­schen Volks­freunds“, unserer Tages­zei­tung. Das hat sich im wei­teren Leben fort­ge­setzt. Ohne Bernd Schuster, um nun jün­gere Bei­spiele aus dem fort­ge­schrit­tenen Man­nes­alter zu nennen, wäre ich nie ins Donezk-Becken vor­ge­stoßen. Die Beherr­schung der Aus­sprache von Dnjepr Dnjeprpe­trowsk machte mich fast so stolz wie im Sozi­al­psy­cho­lo­gie­stu­dium die arti­ku­la­to­ri­sche Bewäl­ti­gung des aus Ungarn stam­menden Psy­cho­logen Mihaly Csikszent­mi­halyi. Unser alter MSV-Ver­tei­diger Didi Schacht nahm mich mit nach Korea, und Ali the Hammer“ Albertz zeigte mir Shanghai. Ohne Sergio Zarate, der 1990 beim Club in Nürn­berg anfing, wäre mir Vélez Sárs­field wohl noch lange unbe­kannt geblieben. Als Rainer Rauff­mann mit Omonia Nikosia Meister und Tor­schüt­zen­könig wurde, ent­schloss ich mich, Ferien auf Zypern zu machen. Meine beste Esels­brücke, um mir den Namen der Haupt­stadt von Madeira in Erin­ne­rung zu rufen, ist Cris­tiano Ronaldo, der in Fun­chal mit dem Fuß­ball­spielen ange­fangen hat. Mein Hebrä­isch ver­danke ich allein der fuß­erzeugten Kunst: Hakoah“ heißt Kraft“, und Mac­cabi“ und Hapoel“ kenne ich auch. – Ich bin ein Fuß­ball-Kos­mo­polit.

Neu­lich sah ich einen Globus für Lite­raten. Die Arktis hieß Pol des schlechten Geschmacks“. Die Welt­meere nannten sich Lyri­scher Ozean“, Pro­sa­ischer Ozean“ usw. Die Süd­spitze Latein­ame­rikas hieß Neruda-Dreieck“. Eine eigene Welt. Genau das, eine eigene Welt, verrät auch Andreas Möller, wenn er sagt: Ob Mai­land oder Madrid, das ist doch ganz egal, Haupt­sache Ita­lien!“ Als sich wieder einmal Wech­sel­ge­rüchte um Andy Möller rankten, waren Real Madrid und AC Mai­land als inter­es­sierte Ver­eine im Gespräch. Dar­aufhin loka­li­sierte Möller sein Traum­ziel in scheinbar geo­gra­fi­scher Unbe­küm­mert­heit.

Der Rhe­to­riker Möller war bis dahin vor allem durch seine Nei­gung zur Tau­to­logie auf­ge­fallen: Vom Fee­ling her hatte ich ein gutes Gefühl“ / Ich bin sehr selbst­kri­tisch, auch mir selbst gegen­über“ / Elf­meter zu schießen, das kann man nicht trai­nieren, son­dern nur üben.“ Aber zurück zu Möl­lers Welt! Im Zeit­alter der Glo­ba­li­sie­rung ist es nun einmal so, dass du heute in Cottbus, morgen in Tasch­kent und über­morgen in Pjöng­jang spielst. Fuß­ball ist ein Sport, der auf der ganzen Welt ver­standen wird. Da gibt es keinen Unter­schied zwi­schen den Kon­ti­nenten, Sprach- und Län­der­grenzen sind im Fuß­ball uner­heb­lich. Nicht das Eng­li­sche ist die Lingua franca der modernen Welt, son­dern der Fuß­ball.

Wenn ein Fuß­baller Island“ sagt, dann meint er auch Malta

Die Bedin­gungen jedoch, unter denen Fuß­ball gespielt wird, sind nicht überall gleich auf der Welt. Für Fuß­baller besteht der Globus aus nur zwei Kon­ti­nenten, aus Ita­lien“ und aus Island“. Leider ist das außer­halb der Fuß­ball­zunft, wo man bes­ser­wis­se­risch von fünf Kon­ti­nenten aus­geht, noch wenig bekannt. Darum tut Auf­klä­rung not. Der Name Island“ steht für kleinen Fuß­ball, für geringen Zuschau­er­zu­spruch und das frühe Aus­scheiden aus inter­na­tio­nalen Wett­be­werben. Wenn ein Fuß­baller Island“ sagt, dann meint er auch Malta und Zypern, Luxem­burg und Alba­nien damit, um nur einige zu nennen. Hat sich ein Bun­des­liga-Fuß­baller ent­schlossen nach Island“ zu gehen, dann heißt das, er ist in die Jahre gekommen und möchte seine Kar­riere gemüt­lich und doch gut dotiert aus­klingen lassen, denn für die da unten“ (oder da oben“, je nachdem) ist er als Bun­des­li­ga­profi noch immer eine große Nummer, die sein Geld wert ist. Es kann durchaus sein, dass er dann in La Val­letta landet oder in Tirana, Haupt­sache Island“!

Wenn nun Andy Möller von Ita­lien“ spricht, so benutzt er eben­falls einen unter Fuß­bal­lern klaren und unzwei­deu­tigen Sam­mel­be­griff. Ita­lien“ steht für viel Sonne und blaues Meer, für Spit­zen­fuß­ball, erst­klas­siges Gehalt, zwei­fel­hafte Neben­ge­schäfte und die Ver­göt­te­rung durch die leicht erreg­baren Massen. Also für alles, was es auch in Spa­nien gibt. Darum lohnt es keinen Unter­schied zwi­schen Mai­land und Madrid zu machen. Und nur ein noto­ri­scher Bes­ser­wisser, der schon in der Erd­kun­de­stunde seinen Mit­schü­lern unan­ge­nehm auf­ge­fallen ist, besteht jetzt noch darauf, dass der doofe Möller einen Fehler gemacht habe. Wer so denkt, dem muss ich leider zurufen: Der Dumme, das bist du, Arsch­loch!

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