Es war wohl Schicksal, dass Dejan Lukez sich vor rund 21 Jahren diese Eintrittskarte gekauft hatte. Seine Kroaten wollte er spielen sehen, in einem WM-Qualifikationsspiel gegen das Team aus Schottland. Er ahnte nicht im Entferntesten, was dieses Spiel mit ihm machen würde.
Am 11. Oktober 2000 erlebten Dejan Lukez und 17.994 weitere Zuschauer im Maksimir-Stadion von Zagreb eine zähe Partie. 1:1 hieß es am Ende, nach Toren von Alen Boksic (16.) und Kevin Gallacher (24.). Doch das war Dejan egal. Von der ersten bis zur letzten Minute hatte er nur Augen und Ohren für die schottischen Fans im Gästeblock gehabt. „Ich liebe Schottland und seine Fans nun schon seit über 20 Jahren“, verriet der „Croatian Scotsman“ unlängst dem Boulevardblatt The Scottish Sun. „Ich war damals total geflasht und ging einfach hinüber zu den Schotten in die Kurve. Inzwischen habe ich sehr, sehr viele Freunde in der Tartan Army.“ Und gleich mehrere Schottenröcke im Kleiderschrank.
So wurde der Besuch eines schnöden Qualispiels für Dejan zum Ticket in ein anderes Leben. Inklusive eines neuen Namens: Dejan Lukez McGregor – so nennt sich der 56-Jährige heute scherzhaft. Wobei er gleich zwei Facebook-Accounts unterhält, einen als „Dejan Lukez“, einen als „Dejan McGregor“. Seit 2010 ist er zudem stolzer Gründer, Vorsitzender, Pressesprecher und Maskottchen der „Tartan Army Croatia“. Kroatiens größter Fanclub der schottischen Nationalmannschaft hat inzwischen weit über 100 Mitglieder, eigene T‑Shirts und eine schmucke Zaunfahne, die das kroatische Schachbrettmuster mit dem schottischen Andreaskreuz vereint.
„Trust no DJ under 55“
Inzwischen hat Dejan die halbe Welt bereist, um sein Adoptiv-Nationalteam zu unterstützen. Der Mann mit dem Schnauzbart, der hauptamtlich als „Old School Vinyl-DJ“ arbeitet (Wahlspruch: „Trust no DJ under 55“), hat einigen großen Spielen beigewohnt wie jenen gegen Deutschland oder Brasilien. Er sah auch ein paar nicht ganz so große Partien wie die gegen Österreich oder Luxemburg. Obendrein war Dejan bei diversen Derbys zu Gast – beispielsweise gegen Irland. Und: Im Laufe der Zeit infizierte er immer mehr Landsleute mit seiner fieberhaften Liebe zu den „Bravehearts“.
Im Oktober 2017 vollbrachte Dejan ein organisatorisches Meisterwerk: Er charterte vier Reisebusse, die insgesamt 158 kroatische Schottland-Fans von Zagreb in die slowenische Hauptstadt Ljubljana transportierten. Dort sahen sie ein Weltmeisterschafts-Qualifikationsspiel, das die Schotten nach einem Tor von Robert Snodgrass (88.) scheinbar sicher in der Tasche hatten. Doch der Slowene Bostjan Cesar erzielte im Finish noch das 2:2 (90.+2). Egal. Wer Schottland unterstützt, erwartet keine Siege – nur ehrlichen Kampf auf dem Rasen und inbrünstige Gesänge auf den Rängen.
Seit 1994 hängt das Banner „Großheide” von Kai Schoolmann bei allen großen Turnieren der Nationalmannschaft. Die EM 2021 begleitet er mit gemischten Gefühlen. Was nicht nur am verlorenen Auftaktspiel liegt.
„In der ersten Halbzeit werde ich die Schotten unterstützen“
Dejan Lukez alias Dejan McGregor hat sich in die „Bravehearts“ verliebt wie andere in ein Mädchen: Er sah sie und spürte augenblicklich, wie die Schmetterlinge in seinem Bauch umher flatterten. Ein knappes Jahr nach der ersten Begegnung, dem besagten WM-Quali-Match in Zagreb, reiste Dejan zum Rückspiel im Glasgower Hampden Park. Abermals sah er eine mäßige sportliche Darbietung. Doch die Gesänge von 47.000 mit Whiskey und Bier geölten Kehlen im schottischen Nationalstadion trieben ihm die Gänsehaut rauf und runter. Nun gab es endgültig kein Zurück mehr. Wobei Dejan das kroatische Team deshalb keinesfalls gleichgültig geworden ist.
Dass seine Heimat und Schottland nun bei der Europameisterschaft in der selben Vorrundengruppe spielen, bereitet Dejan Lukez alias Dejan McGregor einerseits riesige Vorfreude. Andererseits spürt er zwei Herzen in seiner Brust schlagen: „In der ersten Halbzeit werde ich die Schotten unterstützen“, kündigt er an. „In der zweiten Hälfte werde ich Kroatien anfeuern. So nahe stehe ich diesen beiden Mannschaften.“ Sportlich, sagt Dejan, werde es eher schwierig für Schottland: „Ich glaube, dass Kroatien das bessere Team besitzt. Aber es hat bislang noch nie gegen Schottland gewinnen können. Es dürfte also eng werden.“
Und dann äußert Dejan Lukez a.k.a. Dejan McGregor, der in Kroatien und in Schottland längst ein kleiner Medienstar ist, noch einen ganz persönlichen Wunsch. Es möge friedlich und harmonisch zugehen zwischen den beiden Fanlagern im Hampden Park. „Ich hoffe, dass ich gemeinsam mit einigen Schottland-Fans zu dem Spiel gehen kann“, sagt er. „Denn das Partymachen mit ihnen ist noch immer das beste an jedem Match.“
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