Mit Lise aus der Krise 11FREUNDE

October 2024 · 4 minute read

Nach zwei Stunden ist es end­lich soweit. In ihrer Funk­tion als Gene­ral­se­kre­tärin der FIFA ruft Fatma Samoura Lise Kla­veness auf die Bühne. Kla­veness, Prä­si­dentin des nor­we­gi­schen Fuß­ball­ver­bandes (NFF), durch­schreitet am 31. März 2022 selbst­be­wusst die Reihen der 208 anwe­senden Mit­glieder, die anläss­lich des 72. FIFA-Kon­gresses im Exhi­bi­tion and Con­ven­tion Center“ in Katars Haupt­stadt Doha platz­ge­nommen haben. Einige Blicke folgen der in weißer Bluse und Turn­schuhen geklei­deten 41-Jäh­rigen auf ihrem Weg zum Podium, andere sind auf den Boden gerichtet. Über das Gesicht der Nor­we­gerin huscht ein viel­sa­gendes Lächeln in Rich­tung FIFA-Prä­si­dent Gianni Infan­tino, der mit seinem Füh­rungs­stab am Rande des Red­ner­pults thront. Mög­li­cher­weise ein Lächeln in dem Wissen, dass ihre gleich fol­gende Rede bei der Obrig­keit des Welt­fuß­ball­ver­bandes nicht auf Anklang treffen wird.

Unser Spiel kann Träume beflü­geln und Bar­rieren nie­der­reißen. Aber als Füh­rungs­per­sön­lich­keiten müssen wir es richtig machen, nach den besten Stan­dards“, sagt Kla­veness in Doha. Vieles machte die FIFA in der Ver­gan­gen­heit nicht richtig, findet die Nor­we­gerin. Sie kri­ti­siert die WM-Ver­gabe an Katar, feh­lende Trans­pa­renz und die Abkehr von ethi­schen Grund­prin­zi­pien. Sie spricht über die Untä­tig­keit der FIFA hin­sicht­lich des rus­si­schen Angriffs­krieges und Sie for­dert Reformen. Dann ver­lässt Sie die Bühne wieder. Applaus gibt es kaum.

Kla­veness Rede dau­erte nur etwa 5 Minuten. Es war die ein­zige kri­ti­sche Wort­mel­dung auf dem Kon­gress, der ansonsten geprägt war von gegen­sei­tiger Beweih­räu­che­rung der anwe­senden Funk­tio­näre. Mitt­ler­weile liegt dieser Auf­tritt über ein Jahr zurück. Seitdem erlangte Lise Kla­veness große Bekannt­heit und nor­we­gi­sche Medien ver­gli­chen ihren Auf­tritt in Doha mit der legen­dären I have a dream“- Rede des ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­recht­lers Martin Luther King. Für viele ver­kör­pert Kla­veness in der Fuß­ball­welt den wich­tigsten Gegenpol zum auto­ri­tären Macht­men­schen Infan­tino. Ein Blick auf ihren beein­dru­ckenden Wer­de­gang zeigt, warum die Nor­we­gerin das Zeug hat, die Zukunft des Fuß­balls nach­haltig zu prägen.

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Von der Zen­tral­bank in die Fuß­ball-Chef­etage

Lise Kla­veness wuchs in der Gemeinde Meland im nor­we­gi­schen Westen auf. Dort ent­deckte Sie auch ihre Liebe zum Fuß­ball. In ihre Rede auf dem FIFA-Kon­gress sprach sie von ihrem dama­ligen stän­digen Begleiter. Einem oran­genen Ball, den Sie nie aus den Augen ließ. Ich dachte ich könnte alles mit dem Ball regeln. Ich erin­nere mich, dass ich mir viele Gedanken über den Krieg und die Welt gemacht habe.“ Der Fuß­ball war für die junge Nor­we­gerin eine Mög­lich­keit, diesen Gedanken zu ent­fliehen. Es war befreiend, aus meinem Kopf her­aus­zu­kommen und zu spielen“, sagte Kla­veness der Süd­deut­schen Zei­tung (SZ). Gemeinsam mit ihrem Ball arbei­tete die offen­sive Mit­tel­feld­spie­lerin uner­müd­lich an ihren tech­ni­schen Fähig­keiten und über­ragte schon bald die Team­kol­le­ginnen in ihrem Hei­mat­verein IL Kvernbit. Kla­veness Talent blieb auch dem NFF nicht ver­borgen, der die damals 16-jäh­rige 1997 zur Jugend­na­tio­nal­mann­schaft einlud. Wenig später folgte der Sprung in den Pro­fi­be­reich. Mit Stabæk Fot­ball Kvinner gewinnt sie nicht nur Pokal und Meis­ter­schaft, son­dern lernt auch ihre heu­tige Ehe­frau und dama­lige Mit­spie­lerin Ingrid Camilla Fosse Sæthre kennen. Das Paar hat drei Kinder. 2010 kürt sie sich mit 21 Toren zur Tor­schüt­zen­kö­nigin der höchsten Spiel­klasse ihres Hei­mat­landes. Für die Natio­nal­mann­schaft lief Kla­veness ins­ge­samt 73-mal auf und erreichte unter anderem das Finale der Euro­pa­meis­ter­schaft.

Bereits wäh­rend ihrer aktiven Kar­riere als Fuß­bal­lerin star­tete die heu­tige Ver­bands­prä­si­dentin eine zweite Lauf­bahn. In Oslo stu­dierte Kla­veness Jura. Später arbei­tete Sie als Rich­terin und in einer Anwalts­kanzlei, bevor Sie in die Rechts­ab­tei­lung der nor­we­gi­schen Zen­tral­bank wech­selte. Doch damit nicht genug, mit 22 begann Kla­ver­ness, für den nor­we­gi­schen Rund­funk Fuß­ball­spiele zu kom­men­tieren und beglei­tete die Welt­meis­ter­schaft 2018 in Russ­land. Eine bes­tens aus­ge­bil­dete Juristin mit fuß­bal­le­ri­schem Sach­ver­stand: Diese Kom­bi­na­tion ver­half Kla­veness zu ihrem ersten Posten als Fuß­ball­funk­tio­närin. 2018 über­nahm Sie die Abtei­lungs­lei­tung des nor­we­gi­schen Pro­fi­fuß­balls, seit 2022 ist sie die erste weib­liche Prä­si­dentin des NFF. Ange­spro­chen auf die Gründe für die Ent­schei­dung zugunsten von Kla­veness ent­geg­nete Pål Bjer­ket­vedt, Gene­ral­se­kretär des NFF, in einem Radio­in­ter­view schlicht: Wir haben jemanden gesucht, der unseren Ver­band ana­ly­tisch, stra­te­gisch und mit Lust an der Ver­ant­wor­tung vor­an­bringt. Mit Lise haben wir die Beste dafür gefunden.“

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