
Nach zwei Stunden ist es endlich soweit. In ihrer Funktion als Generalsekretärin der FIFA ruft Fatma Samoura Lise Klaveness auf die Bühne. Klaveness, Präsidentin des norwegischen Fußballverbandes (NFF), durchschreitet am 31. März 2022 selbstbewusst die Reihen der 208 anwesenden Mitglieder, die anlässlich des 72. FIFA-Kongresses im „Exhibition and Convention Center“ in Katars Hauptstadt Doha platzgenommen haben. Einige Blicke folgen der in weißer Bluse und Turnschuhen gekleideten 41-Jährigen auf ihrem Weg zum Podium, andere sind auf den Boden gerichtet. Über das Gesicht der Norwegerin huscht ein vielsagendes Lächeln in Richtung FIFA-Präsident Gianni Infantino, der mit seinem Führungsstab am Rande des Rednerpults thront. Möglicherweise ein Lächeln in dem Wissen, dass ihre gleich folgende Rede bei der Obrigkeit des Weltfußballverbandes nicht auf Anklang treffen wird.
„Unser Spiel kann Träume beflügeln und Barrieren niederreißen. Aber als Führungspersönlichkeiten müssen wir es richtig machen, nach den besten Standards“, sagt Klaveness in Doha. Vieles machte die FIFA in der Vergangenheit nicht richtig, findet die Norwegerin. Sie kritisiert die WM-Vergabe an Katar, fehlende Transparenz und die Abkehr von ethischen Grundprinzipien. Sie spricht über die Untätigkeit der FIFA hinsichtlich des russischen Angriffskrieges und Sie fordert Reformen. Dann verlässt Sie die Bühne wieder. Applaus gibt es kaum.
Klaveness Rede dauerte nur etwa 5 Minuten. Es war die einzige kritische Wortmeldung auf dem Kongress, der ansonsten geprägt war von gegenseitiger Beweihräucherung der anwesenden Funktionäre. Mittlerweile liegt dieser Auftritt über ein Jahr zurück. Seitdem erlangte Lise Klaveness große Bekanntheit und norwegische Medien verglichen ihren Auftritt in Doha mit der legendären „I have a dream“- Rede des amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King. Für viele verkörpert Klaveness in der Fußballwelt den wichtigsten Gegenpol zum autoritären Machtmenschen Infantino. Ein Blick auf ihren beeindruckenden Werdegang zeigt, warum die Norwegerin das Zeug hat, die Zukunft des Fußballs nachhaltig zu prägen.
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Von der Zentralbank in die Fußball-Chefetage
Lise Klaveness wuchs in der Gemeinde Meland im norwegischen Westen auf. Dort entdeckte Sie auch ihre Liebe zum Fußball. In ihre Rede auf dem FIFA-Kongress sprach sie von ihrem damaligen ständigen Begleiter. Einem orangenen Ball, den Sie nie aus den Augen ließ. „Ich dachte ich könnte alles mit dem Ball regeln. Ich erinnere mich, dass ich mir viele Gedanken über den Krieg und die Welt gemacht habe.“ Der Fußball war für die junge Norwegerin eine Möglichkeit, diesen Gedanken zu entfliehen. „Es war befreiend, aus meinem Kopf herauszukommen und zu spielen“, sagte Klaveness der Süddeutschen Zeitung (SZ). Gemeinsam mit ihrem Ball arbeitete die offensive Mittelfeldspielerin unermüdlich an ihren technischen Fähigkeiten und überragte schon bald die Teamkolleginnen in ihrem Heimatverein IL Kvernbit. Klaveness Talent blieb auch dem NFF nicht verborgen, der die damals 16-jährige 1997 zur Jugendnationalmannschaft einlud. Wenig später folgte der Sprung in den Profibereich. Mit Stabæk Fotball Kvinner gewinnt sie nicht nur Pokal und Meisterschaft, sondern lernt auch ihre heutige Ehefrau und damalige Mitspielerin Ingrid Camilla Fosse Sæthre kennen. Das Paar hat drei Kinder. 2010 kürt sie sich mit 21 Toren zur Torschützenkönigin der höchsten Spielklasse ihres Heimatlandes. Für die Nationalmannschaft lief Klaveness insgesamt 73-mal auf und erreichte unter anderem das Finale der Europameisterschaft.
Bereits während ihrer aktiven Karriere als Fußballerin startete die heutige Verbandspräsidentin eine zweite Laufbahn. In Oslo studierte Klaveness Jura. Später arbeitete Sie als Richterin und in einer Anwaltskanzlei, bevor Sie in die Rechtsabteilung der norwegischen Zentralbank wechselte. Doch damit nicht genug, mit 22 begann Klaverness, für den norwegischen Rundfunk Fußballspiele zu kommentieren und begleitete die Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Eine bestens ausgebildete Juristin mit fußballerischem Sachverstand: Diese Kombination verhalf Klaveness zu ihrem ersten Posten als Fußballfunktionärin. 2018 übernahm Sie die Abteilungsleitung des norwegischen Profifußballs, seit 2022 ist sie die erste weibliche Präsidentin des NFF. Angesprochen auf die Gründe für die Entscheidung zugunsten von Klaveness entgegnete Pål Bjerketvedt, Generalsekretär des NFF, in einem Radiointerview schlicht: „Wir haben jemanden gesucht, der unseren Verband analytisch, strategisch und mit Lust an der Verantwortung voranbringt. Mit Lise haben wir die Beste dafür gefunden.“
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